Der Gartenzaun hat zwar eine Grenze zu den Nachbarn gezogen, dennoch bist du mal eben über den Zaun gesprungen oder durchs Türchen gegangen. Es stand einem immer offen. Deine Umgebung hat dich mit zu dem gemacht, was du heute bist. Wir haben nicht nur nebeneinander gelebt, sondern jeder war in seiner Form immer präsent. Wie der ganze Ort eben. Seit einem Jahr habe ich nicht mehr diese Nähe und möchte daher einige Worte sagen.

Der Gärtner von nebenan

Lieber Onkel Werner. Zuerst möchte ich zu dir einige Sätze verlieren. Das du mein Onkel bist ist genauso wahr, wie die nächste Staffel Germanys Next Topmodel ohne Heidi stattfinden wird. Ich kenne es nicht anders. Meine Eltern haben mich dir immer als Onkel Werner vorgestellt. 

Ich hatte nie einen Opa. Du warst ein bisschen wie einer für mich. Derjenige mit einem grünen Daumen und der uns immer einige Tomaten abgegeben hat. Dein Garten war früher immer gut mit Gemüse und Obst angebaut. Selbst Kiwis habe ich bei dir genascht. Jetzt kann ich es dir ja sagen. Als kleiner Junge bin ich früher immer an den Gartenzaun gegangen und hab mir deine Stachelbeeren geklaut – die waren richtig lecker.

Eines fand ich immer witzig. Deine Leidenschaft war schon immer die Gartenarbeit. Sie war so groß, dass du regelmäßig meinem Vater auf die Finger geschaut und das Gewächshaus kontrolliert hast. Nicht nur deines. Eben auch unseres. Wenn wir etwas falsch gemacht haben, gab es einen kleinen Einlauf oder du hast den Tomaten eben mit Wasser versorgt. Du warst ein kleiner Landwirt. 

Es war immer eine Selbstverständlichkeit, wenn man dich im Garten gesehen hat, kurz rüber zurufen. Wenn wir gegrillt haben kamst du kurz für einen Plausch zu uns an den Tisch oder hast uns deine neuen Anbauten gezeigt. Für eine Sache habe ich damals immer beneidet. Dein Grundstück grenzte an eine Rasenfläche, wo öfters die Schafe standen. Daher stand ich des öfteren an deinem Zaun um sie zu streicheln. Oft habe ich mir gewünscht mit auf der Wiese zu stehen. Bei ihnen zu schlafen. Mit ihnen zu frühstücken. Wobei das geht nun auch zu weit…

Ich kann dir nur Danke sagen. Danke für alles was du mir mit auf den Weg gegeben hast und das du uns im Garten immer unterstützt hast. Ahja. Vielen Dank für die Stachelbeeren damals – das hab ich dir nie gesagt.

Die Oma in der Nachbarschaft

Liebe Tante Frieda. Du bist zwar schon lange nicht mehr auf der Erde, aber auch du hast mich damals durch unsere Nachbarschaft geprägt. Bei dir war es etwas anders. Die Oma von nebenan würde ich heute sagen. Wenn ich zu dir gegangen bin, dann schnell durchs Fenster. Mitten in der Küche und wo wir gerade beim Essen sind.. Deine Hochzeitssuppe war auf jeder Feier von uns ein Muss!

Wir beide hatten es immer schon irgendwie. Ich weiß gar nicht warum du mich so gern gemocht hast. Wenn ich bei meinen Eltern kein Eis bekommen habe, bin ich kurz durchs Fenster und habe dich gefragt. Vorsorglich hast du immer etwas für mich im Gefrierer gehabt. Auch etwas Taschengeld. Nicht in der Truhe, aber in der Tasche.

Auf Familienfeiern warst du ein fester Teil. Genauso dein Sohn Manfred. Er hat dich immer begleitet, da du leider an einem Bein schwer erkrankt warst. Du hättest für mich sogar dein gesundes Bein noch hergegeben. Leider musstest du damals etwas zu früh gehen, aber wie dieser Artikel zeigt, denke ich immer wieder an dich!

Am Zaun gab es Leckerli

Liebe Marga. Eure Hunde waren wie unsere Haustiere. Nur konnten wir uns aussuchen wann wir uns um sie kümmern wollten. Ähnlich zu meiner Nichte und Neffe. Wenn es zu viel wird, gebe ich sie an meine Schwestern ab.

Genauer gesagt hattet ihr immer zwei Jagdhunde, denn dein Mann war Jäger. Summer und Igerna hießen sie. Zwei Irish Setter, die immer am Zaun gestanden haben. Daher hatten wir immer eine Kleinigkeit Zuhause. Wenn ihr im Garten wart, haben wir euch gefragt, ob wir ihnen was geben dürfen. Ansonsten haben wir es einfach gemacht. 

Für meine beiden Schwestern und mich war es immer ein kleines Highlight, wenn wir mit Summer und Igerna eine Runde durch den Wald gemacht haben. Summer konnten wir ohne Leine laufen lassen. Igerna war immer sehr verspielt, wodurch wir sie lieber nicht frei umherlaufen haben. Es gab auch Tage an denen wir sie, nachdem Spaziergang, mit nach Hause genommen haben, da du mit deinem Mann woanders eingeladen warst. Ich weiß noch heute den Moment, an dem Summer durch unser Haus gelaufen ist und sich mindestens genauso gefreut hat wie wir.

Ich kann mich aber auch noch daran erinnern, als ich mit dem Fahrrad Zeitungen verteilte. Dann habe ich immer das Rad an der Straße gelassen, bin zum Tor gelaufen und habe geschaut, ob die Hunde draußen sind. Wenn das der Fall war, bin ich kurz rein und hab sie gestreichelt – die Freude von uns drei war immer riesig.

Irgendwo habe ich noch ein Bild von ihnen, wo Summer ganz klein war. Bevor ihr Igerna hattet, gab es schon einen weiteren Irish Setter. Darüber weiß ich leider nicht mehr viel. Von allen war Summer der Hund meiner Kindheit. Ihr könnt euch vorstellen wie traurig ich damals war, als niemand mehr an den Zaun kam. Sie waren immer da und dann werden sie einem kleinen Jungen plötzlich genommen…

Ball über Zaun

Lieber Ralf. Meine Kindheit bestand bis zu meinem 16. Lebensjahr aus Fußball. Jeden Tag schnappte ich mir den Ball und ging raus. Oft auch in den Garten. Hinten, beim Birnenbaum, hatte ich immer eine große Rasenfläche. An dem Zaun zu dir standen zwei Bäume. Die hatte ich immer als Tor genutzt. Du kannst dir vorstellen, was mir öfters passierte…

Die Lage des Tores war nicht optimal. Es kam regelmäßig vor, dass ich den Ball über den Zaun zu dir geschossen habe. Jedes Mal ärgerte ich mich darüber. „Beim nächsten Mal achtest du darauf“, sagte ich mir. Nächster Schuss. Zack. Rüber. Ich ging an den Zaun. Schaute, ob jemand von deiner Familie draußen ist. Sprang rüber und holte schnell den Ball. Ich fühlte mich wie ein Schwerverbrecher, der gerade das Gesetz gebrochen hat.

Die Schweißperlen wurden mehr, wenn ich in dein Beet geschossen habe. Ich bin immer auf Zehenspitzen durch und habe versucht keine Spuren zu hinterlassen. Die plattgetretene Erde etwas verwirbeln. Keiner gesehen. Das ist nie passiert. Wieder über den Zaun zu mir in den Garten und weiterspielen.

Wenn ich Profi-Fußballer geworden wäre, würde diese Geschichte wohl der Knaller auf jeder Veranstaltung sein. Doch mir reicht es, dass ich noch heute daran denken muss und ich dabei schmunzle…

Das Gratis-Froschkonzert

Lieber Robert. Du kennst mich auch schon als ganz kleiner Junge. Wir haben uns oft draußen gesehen, wenn du im Garten gearbeitet hast und ich den Ball über den Zaun geschossen habe. Manchmal auch zu dir, obwohl dein Zaun deutlich höher war. Das war immer eine besondere Herausforderung zu dir zu klettern und den Ball zurückzuholen. Wenn man es geschafft hat, hatte ich einen kurzen Moment des Stolzes. Kleiner Junge, der den Mount Everest bezwungen hat. Immer wieder.

Bei dir wurde es abends auch gerne mal etwas lauter, wenn du Leute zu Besuch hattest. Ihr habt laut gelacht. Fast lauter als deine Frösche am Teich, die uns immer ein schönes Konzert gegeben haben. Manchmal gab es Momente, da sagte man zum Freund, dass er still sein solle. „Hörst du das“, sagte ich. Der Kumpel fragte nur was das sei. 

„Ein Konzert der Froschband. Ohne Vorverkauf. Nicht mal Abendkasse. Ganz umsonst.“

Dein Umfeld prägt dich

Natürlich haben wir mit unseren riesigen Grundstücken viel Platz und mit unseren Zäunen Grenzen gezogen, die wir jedoch immer wieder bewusst übertreten. Denn dann merken wir, dass es besser ist diese bewusst als fließend zu betrachten. Es ist schön das wir alle unser kleines Fleckchen Erde haben, doch am Ende sitzen wir alle im gleichen Dorf. Gemeinsam erleben wir Geschichten über Generationen hinweg an die du noch dein ganzes Leben denken wirst.

Vor allem als Kind ist es etwas besonderes. Das Umfeld kennt dich von klein auf. Sieht dir zu wie du erwachsen wirst und deinen eigenen Weg gehst. Es wird dir erst bewusst, wenn du sie nach deiner Weltenbummelei wiedertriffst und sie überrascht sind, wie sehr du dich verändert hast. Früher als Kind war ich immer im Garten, doch das hatte sich – umso älter ich wurde – verändert. 

Ich nehme mir an zu sagen, dass es in der heutigen Zeit nicht besser geworden ist. Wir pflegen lieber vermeintliche Nachbarschaften übers Internet, die mehr als 100 Kilometer entfernt worden als vor unserer Haustür anzufangen.

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