Eventuell hast du auch das Gefühl, dass früher einmal mehr im Ort los war. Zumindest nehme ich aus den Erzählungen meines Vaters wahr. Es erscheint mir als wäre die Gemeinschaft und der Zusammenhalt damals stärker gewesen. Ist das nur meine Wahrnehmung oder war das wirklich so? Auf diese Frage gibt es kein richtig oder falsch. Letztendlich hat sie mich dazu gebracht mir darüber Gedanken zu machen. Was ist wichtig für eine starke Gemeinschaft und wie kommen wir dahin?

Es gibt für mich vier starke Pfeiler. Im besten Fall sind alle auf einem soliden Fundament gebaut und haben keinerlei Risse. Ist einer von den vieren etwas brüchig, wäre das nicht schlimm. Er wird von den anderen gestützt. Wie es in einer guten Gemeinschaft auch sein sollte. Sobald allerdings drei Pfeiler sehr brüchig sind, müssen wir schnellstens handeln um das Dach nicht zum Kippen zu bringen.

Haben wir das Gefühl es würde uns etwas im Dorf fehlen, dann müssen wir uns überlegen welche Säule betroffen ist. Danach sollte die Frage aufkommen, wie wir sie gezielt wieder aufbauen können. Es sind alle im Dorf gefragt etwas dafür zu tun. Alleine schaffen wir das nur für eine sehr kurze Zeit, also müssen wir einen Rahmen schaffen, der besonderes viele Leute dazu anregt mitzuhelfen. Um dieses Ziel zu erreichen ist meiner Meinung nach besonders der nächste Punkt entscheidend um sie langfristig zu motivieren.

Wertschätzung

Die erste Säule innerhalb der Gemeinschaft ist die Wertschätzung. Für die Leistungen innerhalb eines Dorfes werden wir nicht bezahlt. Es passiert freiwillig. Wir sind hier nicht in der Wirtschaft, wo ich als Arbeitnehmer meine Leistung gegen Geld eintausche. Die Motivation kommt aus mir selbst etwas für mich und die Nachbarn zu tun.

Aus diesem Grund ist die Wertschätzung der Anderen innerhalb dieser Gemeinschaft wichtig. Ich nehme an, dass dir der Nachbar den ein oder anderen Gefallen getan hat. Er erwartet nichts dafür, aber wenn er das Gefühl hat, es sei für dich selbstverständlich, wird er damit aufhören. Umso wichtiger ist ihm dafür zu danken und ihm zu vermitteln, dass du das was er tut wertschätzt.

Ist dieser Wert in der Gemeinschaft fest verankert, werden wir weiter motivierte Leute haben, die bereit sind ihre Freizeit für das Allgemeinwohl zu opfern.

Das können wir tun:

  • Ehre besondere Personen, wenn der passende Rahmen dafür gegeben ist (Jahreshauptversammlung, Osterfeuer, etc.).
  • Zeige dich mit Worten oder kleinen Gesten erkenntlich. Nichts ist selbstverständlich.
  • Biete den anderen Leuten auch deine Hilfe an.

Identität

Vor etwas vierzig Jahren wurden die Ortsschilder vieler Dörfer ausgetauscht. Sie waren in dem Sinne nicht mehr eigenständig, denn sie waren letztendlich nur noch eine Nummer. Kein Scherz. Genau in dieser Zeit haben sich viele Heimatvereine gegründet um dafür zu kämpfen ihre Ortsnamen wiederzubekommen – zum Glück erfolgreich.

Für mich ist dies nur ein Beispiel dafür, wie wichtig diese Namen für jeden Einzelnen sind. Wenn ich mich mit dem Dorf identifizieren kann, wächst auch die Motivation sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Ist diese Eigenschaft nicht gegeben, werde ich lieber auf meinem Sofa liegenbleiben und Netflix schauen.

Ich finde, dass wir bei Zugezogenen hier die größte Herausforderung haben. Wie schaffen wir es bei denen, die noch keine Geschichten hier zu erzählen haben, die Identität mit dem Ort zu schaffen.Sie kennen den Ort nicht. Sind neu hier und müssen erstmal ankommen. Die Beziehung zu dem Dorf muss sich erst aufbauen. Die Langzeit-Einwohner kennen das nicht. Schließlich ist der Opa, Oma oder Onkel hier aufgewachsen und seit der Geburt gibt es diesen persönlichen Bezug – über Generationen hinweg.

Wir haben nur eine Chance und die ist genau dann, wenn die Leute bei uns im Dorf ankommen. Genau dann müssen wir auf sie zukommen. Es ist wie eine Art Bewerbungsgespräch, nur müssen wir es meines Erachtens umdrehen – das Dorf ist der Bewerber und muss sich zeigen.

Das können wir tun:

  • Jeder Zugezogene wird von einem „Ortsvorsteher“ begrüßt und erhält ein Willkommensgeschenk. Es soll zeigen, dass sich die Leute auf die „Neuen“ freuen.
  • Zeige die Geschichten des Ortes, sodass sie jeder einsehen kann (Webseite, Informationstafeln etc.).
  • Sorge für Veranstaltungen damit du einen Raum gibst um alle Leute zusammen zu bringen

Ehrenamt

Ich habe oben schon angesprochen, dass alles im Dorf auf freiwilliger Basis passiert. Umso wichtiger ist die Säule des Ehrenamts. Das Angebot um uns herum ist über die Jahre stetig gewachsen. Die Konkurrenz der Freizeitangebote ist riesig. Daher müssen wir die Vorzüge des Ehrenamts oder des jeweiligen Vereines hervorheben.

Nehmen wir an in deinem Dorf würde es keine ehrenamtlichen Tätigkeiten geben. Das wäre als würdest du in einer Wüste wohnen in der nichts los ist und wer möchte das schon? Gemeinsam etwas bewegen. Die gleichen Interessen zu vertreten und sich dafür einzusetzen. Das zeichnet unser Ehrenamt doch aus. Nicht das wir Geld dafür erhalten. Es ist ein gutes Gefühl.

Ohne freiwillige Helfer die bestehende Traditionen pflegen und auch neue ins Leben rufen wird der Einzelne innerhalb der Gemeinschaft immer anonymer werden. Jeder kennt jeden, wie man im Dorf so gerne sagt, trifft nicht immer zu. Machen wir das Ehrenamt attraktiv, dann schaffen wir auch einen Raum um Menschen zusammenzubringen.

Das können wir tun:

  • Wir können den Vereinen und Ehrenämtern vor Ort mit einer Spende helfen.
  • Der Verein sollte alle anderen durch Bilder und Informationen teilhaben lassen. Zeigt den anderen Leuten was sie verpassen, weil sie nicht dabei sind.
  • Themenspezifische Veranstaltung ins Leben rufen (beispielsweise als Fußballvereinen den Ortspokal ins Leben rufen).

Transparenz

Durch das Internet mittlerweile fast selbstverständlich geworden. Schließlich erfahre ich dort teilweise Dinge von meinen Freunden, bevor sie es mir persönlich erzählen. Alles wird dort geteilt. Möchte ich etwas wissen, befrage ich Google danach. Soll es heute Abend ins Restaurant gehen, schaue ich mir die Speisekarte online an.

Der Kern des Ganzen ist doch, dass die Welt transparenter wird und ich Informationen leichter bekomme. So sollte es auch in deinem Dorf sein. Wenn ich mich mit dem Ort identifiziere, dann ist mir auch wichtig was dort passiert. Es geht nicht darum, dass ich an allem beteiligt werden möchte. Viel mehr interessiert mich was momentan um mich herum passiert. Die Leute müssen informiert werden, denn nur so haben sie das Gefühl ein Teil des Ganzen zu sein und setzen sich auch aktiv ein. Das Gefühl „hintergangen“ zu werden und das jeder sein eigenes Ding durchzieht, ist kein schönes.

Das können wir tun:

  • Kümmere dich um eine Webseite für deinen Ort um Informationen zu teilen
  • Erstelle Flyer für wichtige Informationen und verteile sie an alle im Ort
  • Lade monatlich alle Leute zu einer Veranstaltung ein, wo alle Ideen, Vorschläge und ihre Meinung teilen können. Das gibt einen Raum für Diskussionen und jeder hat das Gefühl sich in dem Ort einbringen zu können. Wer nicht kommt, der darf sich dann nicht beschweren.

Jedes Dorf braucht eine Mitmach-Kultur. Der ländliche Raum zeichnet sich durch die aktive Gestaltung seines Ortes aus. Ich lasse nicht gestalten, sondern ich kann mitmachen. Das ist doch der Reiz daran. Daher müssen wir unbedingt schauen, dass wir immer diese Säulen aufrecht erhalten. Risse sind in Ordnung. Sie gehören dazu. Nur droht eine Säule umzukippen, müssen wir schnellstens handeln.

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