Der Wecker klingelt. Es ist sieben Uhr und Heiligabend. Ich muss noch meine Tasche packen und dann auch schon los auf die Autobahn. Es warten 180 Kilometer bis zur Heimat auf mich. Heute ist Heiligabend und ich sehe die Familie wieder. Wir sind gegen zehn Uhr zum Frühstücken verabredet. An Weihnachten sind eben alle wieder da.

Ich fahre auf der Autobahn mit 130 entlang und frage mich, was eigentlich das Elternhaus für mich bedeutet. Es ist der zentrale Treffpunkt der ganzen Familie. Ich habe dort meine Kindheit verbracht und damals mit meiner Oma zusammengewohnt. Ganze Generationen sind dort groß geworden und das Haus ist voll mit schönen Erinnerungen an damals. Bevor ich noch weitere schöne Gedanken fassen konnte, musste ich auch schon auf die Landstraße abbiegen. Nun noch ein kurzes Stück und dann bin ich wieder Zuhause.

Auf der Straße zum Dorf angekommen wird meine Freude immer größer. Ich sehe das Ortsschild und werde langsamer. Ich muss nach links und rechts schauen. Eventuell sehe ich einen Nachbar. Doch heute war keiner draußen und ich stehe nun vor der Haustür. Daneben noch drei andere Autos, denn meine Geschwister samt Schwager sind auch wieder Zuhause. Kaum die Tür aufgeschlossen, kommt mir auch schon mein Neffe entgegen.

Alle freuen sich. Vor allem meine Eltern, die mich mit ihren freudestrahlenden Augen in den Arm nehmen. Ich glaube für die Eltern ist Weihnachten etwas ganz besonderes, denn alle Kinder sind wieder da. Früher haben wir uns jeden Tag gesehen. Heute freue ich mich, wenn ich sie einmal die Woche besuchen kann. Nun aber erstmal auf die Couch und über die Neuigkeiten quatschen, die letztens erst passiert sind. Ich habe einiges zu meinem Job zu berichten. Doch eh ich mich versehe ist es auch schon 15 Uhr und wir brechen auf in die Kirche.

Warum gehe ich dieses Jahr besonders gerne in die Kirche?

Jedes Jahr entschied ich spontan, ob ich mit in die Kirche fahre. Diesmal ist es anders. Ich fahre mit und treffe auf Leute, die ich schon länger nicht mehr gesehen habe. Leute, mit denen ich damals im Verein Fußball gespielt habe oder noch aus der Schulzeit kenne. Das war auch meine große Hoffnung, weswegen ich unbedingt in die Kirche wollte. So schön wie das Wiedersehen auch ist, bin ich froh, dass der Gottestdienst schon vorbei ist. Es geht wieder nach Hause, wo meine Mutter das Essen vorbereitet hat. Es gibt Kartoffelsalat und Würstchen.

Tradition bleibt Tradition

Nach dem Essen gehen die Kinder ins Obergeschoss, wo mittlerweile vier Räume leer stehen. Die anderen beiden Räume sind voll mit Sachen von mir und meinen Schwestern. Der andere Raum ist das Bad. Hier sitzen wir nun auf der Couch in einem Raum. Ich kann nicht mehr „mein Zimmer“ sagen, doch es ist auch in Ordnung so. Ich höre, wie jemand die Treppe hochgeht. Mein Vater klopft an der Tür und sagt, dass wir nun runterkommen dürfen. Mit einem Zettel in der Hand folgen wir ihm.

Wir setzen uns alle auf die Couch und ich fange mit der Weihnachtsgeschichte an, die wir jedes Jahr neu aussuchen. Früher haben wir auf unserer Blockflöte etwas vorgespielt, doch das haben wir vor einigen Jahren durch eine Geschichte ersetzt. Die Geschenke ohne etwas zu präsentieren würde sich komisch anfühlen. Meine Schwester laß die letzte Passage vor. Nun wird es Zeit die Geschenke auszupacken. Also gehen wir Kinder zum Weihnachtsbaum und verteilen anhand der Namen die Geschenke an die Personen. Jeder muss erst seine Geschenke vor sich liegen haben bevor er auspacken darf. Nach all den Jahren geht das aber sehr schnell und wir fangen sie aufzureißen. Nebenbei nasche ich noch etwas von dem selbstgebauten Hexenhaus meines Opas, dass jedes Jahr aufgebaut werden muss. Tradition ist Tradition.

So hätte ich mir Weihnachten wohl gewünscht. Wie früher als wir noch oben gesessen haben und bei meinen Eltern. Doch dort sind wir an Heiligabend schon seit letztem Jahr nicht mehr sondern wir sind bei meiner Schwester, was auf einer anderen Weise schön ist.

Der nächste Tag: Abreise

Alle sind völlig satt vom Mittagessen und liegen auf dem Sofa. Am ersten Weihnachtsfeiertag sind wir bei meinen Eltern. Wir schauen eine schöne Bescherung und ich schaue auf die Uhr. Nicht mehr lange und ich sitze im Auto auf dem Weg zurück nach Hause. Ich mag kein Abschied, aber wer hasst das nicht.

Ich schaue in die Runde und beobachte meinen Neffen. Er schläft so friedlich. Der Abschied von ihm und meinem Vater fällt mir jedes Mal am Schwersten. Doch so langsam muss ich meine Jacke holen. Zuerst sage ich meinen beiden Schwestern Tschüss. Danach umarme ich meinen Schwager. Meine Augen werden glasig. Nun mein Neffe. Unglaublich aber dieser kleine Kerl… Er macht nicht viel, ist einem aber sehr ans Herz gewachsen. Bevor mir jemand ein Taschentuch reicht, gehe ich aus dem Wohnzimmer und drücke meine Mum ganz fest. Sie war immer für uns Kinder da und nun sind alle aus dem Haus raus. Daran muss ich oft denken. Mein Vater begleitet mich zur Tür und mit jedem Schritt schlägt das Herz schneller, weil ich weiß was jetzt bevorsteht.

Wir umarmen uns und jetzt kann ich einfach nicht mehr. Die Situation ist so unangenehm, dass ich flüchte und traurig zum Auto gehe gehe. Der Motor springt an, doch mein schluchzen übertrifft jedes Geräusch. Ich schaue zum Haus und zu meinem Vater, an dem ich nun vorbeifahre. Ich glaube ich werde noch etwas Zeit brauchen um mit dieser Situation besser umgehen zu können. Doch es fühlt sich alles trotzdem richtig an und genau das was ich will. Jede Entscheidung zieht auf der anderen Seite eben auch Konsequenzen mit sich.

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