In der Stadt ist der Bekannte fremd, auf dem Dorf der Unbekannte

Matthias mit seinen Kindern im Wald

Ich las letztens: je weniger die Deutschen auf dem Land leben – zuletzt waren es noch etwa 15 Prozent – desto mehr träumen sie davon. Für mich eigentlich ein Widerspruch. Der Mensch kann ja im Grunde selbst entscheiden, wo er wohnt. Also, warum nur davon träumen? Was sind die Hinderungsgründe? Liegt es an der Arbeit und der hierfür notwendigen, in der Stadt sicher günstigeren, Infrastruktur? Ich weiß es nicht.

Wessen ich mir jedoch ziemlich sicher bin ist, dass weit weniger Menschen vom Umzug in die Stadt träumen, wenn sie das Landleben leben.

Als ich gefragt wurde, ob ich nicht ein paar Gedanken für diesen Blog beisteuern könnte, schossen mir spontan ganz viele – meist lustige – Gedanken durch den Kopf. Aber ausschließlich von Feenstaub und Einhornglitter bedeckte Worte für das Leben auf dem Lande zu finden, wäre dann doch zu einseitig. Nein, man ist auch hier, fernab des hektischen Großstadttrubels, gewissen gesellschaftlichen Zwängen unterworfen.

Was ist denn einer der herausragenden Vorzüge dieser Form des Zusammenlebens?

„Der Vorteil ist, man kennt mich hier. Der Nachteil ist, man kennt mich hier.“

Ich denke, eine ganz bedeutende Grundlage des Phänomens Landleben ist, dass man sich kennt. Dass man um die guten und weniger guten Eigenschaften eines jeden weiß. Und der Zusammenhalt trotzdem alle Mitglieder dieser kleinen, eingeschworenen Community umfasst. Die Guten, wie die weniger Guten. Denn sind wir doch mal ehrlich: JEDES Dorf hat mindestens Einen, der eher zu den weniger Guten gehört. Was darin begründet sein kann, dass er wirklich kein guter Mensch ist. Das kann aber auch durchaus daran liegen, dass er die schöneren Äpfel hat. Oder die schniekeste Frau. Die dicksten Kartoffeln. Oder: den größten Acker, den lautesten Hund, die Katze, die nur bei den anderen in den Garten kackt, den fettesten Schickimicki-Trekker mit GPS, integriertem Antriebsstrang und idealer Ballastierung, die bestgeschnittene Hecke sein eigen nennt.

Wenn dieses soziale Gefüge noch vor Jahren als ein eher undurchdringbares, unnahberes galt, so ist diese ganz besondere Spezies Mensch in den heutigen modernen Zeiten jedoch Neuem nicht verschlossen. Auch den sogenannten Zugezogenen.

Meine Familie, ursprünglich aus einer mehr oder weniger pulsierenden Kreisstadtmetropole am Rande des Südharzes entspringend, wurde vor nunmehr sieben Jahren wirklich herzlich in eines dieser Gefüge integriert.

Aber: das ist bei Weitem kein Selbstläufer.

Man muss sich schon proaktiv in der Gemeinschaft einbringen. So ist es durchaus von Vorteil, dem örtlichen Heimatverein beizutreten. Oder mindestens als Supporter an dessen wiederkehrenden Veranstaltungen teilzunehmen. Auf- und Abbau der Festivitäten inbegriffen.

Man sollte die Vertreterin der Volkssolidarität, die einmal im Jahr an exakt dem gleichen Tag vor der Tür steht und um Spenden bittet, nicht abweisen. Todsünde. Das weiß binnen Minuten auch der Letzte im Dorf. Und das ganz ohne WLAN! Ein Dorfbewohner zählt da quasi im übertragenen Sinne als ein DSL. Wir haben somit ungefähr sechshunderter DSL.

Also wird kurz die Liste der bereits spendabel gewesenen Spender gecheckt und mindestens der Betrag wohlwollend überreicht, der dort überwiegend eingezahlt wurde. Willst Du auf Nummer sicher gehen, packst Du noch ein paar Penunzen obendrauf. Erst recht, wenn dein Erzrivale schon vorgelegt hat. Zahlst Du zu wenig, wird sich noch am Abend in der Dorfkneipe erzählt, dass es Dir nicht so gut geht. Hartz IV und so. Die arme Familie, als nächstes ist das Haus weg…

Ein weiteres Kriterium: Klamotten.

Ja, auch auf dem Dorfe ein ganz großes Thema. Willst Du dazugehören, dann muss da schon der weiße Strauß auf rotem Grund an Hosentasche und Ärmel prangen. Bei uns gilt Dresscode: Corporate Identity. Und auch, wenn es niemals jemand offen aussprechen würde, wurde es mir jedoch durch einfaches Beobachten klar: der feine Zwirn von Engelbert Strauss muss her. Genauer gesagt sogar mindestens zweimal. Ein Outfit zum Arbeiten. Sprich: Unkraut zupfen, Mülltonnen rausstellen, sich geschäftig auf´ne Schippe stützen und schlau zugucken wie andere arbeiten etc.

Dorfkinder wissen, was ich meine.

Und ein Outfit zum chic Ausgehen. Dorffestivitäten, hochwichtige Besprechungen größerer und kleinerer Bauvorhaben beim Nachbarn, im Bushaltehäuschen sitzen – sehen und gesehen werden. Engelbert Strauss kennt jeder. „Georgio Armani? Nie von ihr gehört“. Sogar der Nachwuchs wird bereits in diese Textilien gehüllt, als würden sie ihm somit Kräfte verleihen. Wie wenn Superman sich sein rot-blaues Kostüm überstreift.

Und irgendwas muss auch dran sein. Na gut, ob es nun ausschließlich die Klamotten ausmachen, sei an dieser Stelle dahingestellt. Aber, diese Kinder können einfach alles. Sie kennen sämtliche Tiere des Waldes. Wissen, wie deren Nachwuchs bezeichnet wird und wie bzw. wo sie ihre Behausungen bauen. Sie können mit fünf Jahren bereits Traktor fahren. Klar, sie haben ja schon ein Jahr lang mit Mamas Pampersbomber auf´m Feldweg geübt. Sie wissen, wie man Fische fängt und wie diese sowie andere Tiere, die man mal bei den Streifzügen durch Wald und Flur – eines natürlichen Todes gestorben und am Wegesrand liegend – auffand, von innen aussehen. Sie können mit einer Lupe Feuer machen, wissen sogar wie man es wieder löscht UND tun dies auch.

Und: Dorfkinder – das finde ich am schönsten, weil es eine (gefühlt) schon fast vergessene Begabung zu sein scheint – können grüßen! Und sie machen das sogar mit einem „Guten Tag“, oder wenigstens einem freundlichen „Hallo“.

„Yo Digga“ kennen sie selbstverständlich. Aber sie sprechen es nicht aus. Wahrscheinlich auch aus dem Grund, weil sie einfach keine Lust auf Nachfragen seitens des damit Gegrüßten haben. Dem sich der Sinn dieser Aneinanderreihung ihm teils unbekannter Worte wohl nicht so recht erschließen würde. Der wohl nicht wüsste, dass es ein neumodischer Gruß ist und keine Anspielung auf das aufwendig antrainierte Feinkostgewölbe zwischen Brust und Hüfte, landläufig als Bauch bekannt.

Der Kühlschrank in der Garage ist ein Rudelführer

Ich habe mir tatsächlich im zweiten Jahr meines Dorflebens einen Kühlschrank in die Garage gestellt, der ausschließlich für Getränke, meist alkoholischer Art gedacht ist. Weil es jederzeit passieren kann, dass ein Nachbar am Gartenzaun erscheint. Meist unter einem kleinen Vorwand. Der eigentlich nur dazu gedacht ist, die nächste Stunde den neusten Klatsch und Tratsch zu verbreiten oder zu erfahren. Oder einfach, um Spaß zu haben. Dem Tag einen würdigen Abschluss zu verpassen. Manche kommen aber auch gleich zur Sache, mit einem „Ganz schön trockene Luft heute“, oder „Was ist das denn für eine traurige Baustelle hier?“.

Und wenn erst ein Nachbar dort steht, dauert es niemals lange und es wird ein Grüppchen daraus. Der Mensch ist nunmal ein Rudeltier. Und der mit dem Kühlschrank in der Garage ist für genau diesen Zeitraum der uneingeschränkte Rudelführer. Weil ihn die Herrschaft über die Flüssignahrungsversorgung mächtig macht.

Besucher, die öfter kommen, kennen den Standort dieser Quelle und dürfen sich sogar selbst bedienen. Gefeiert wird hier viel und so ziemlich alles. Und wenn es mal keinen Anlass gibt, dann eben spontan. Die spontanen sind dabei meist die schönsten Feiern.

Ich will wirklich und überhaupt nicht behaupten, dass das Leben auf dem Lande ein besseres ist. Eine Einschätzung hierzu muss jedem selbst überlassen werden. Jedem, der beides kennenlernen durfte. Der die Vorzüge und Nachteile kennt. Sie erlebt hat. Aber ich finde, dieses Dorfleben hat einfach Charme.

Klar, man hat auf dem Dorf nicht alles, was einem die Stadt zu bieten hat. Aber wir haben zumindest alles von A wie Apotheke bis B wie Bäcker. OK, wir haben nicht mal das. Aber: es ist trotzdem abwechslungs- und erlebnisreich. Was wir in jedem Fall in Hülle und Fülle haben ist Landluft. Na gut, die riecht manchmal etwas streng. Aber sie ist nicht schädlich.

Und es ist … ja … irgendwie „menschlich“. Man hilft sich untereinander. Man „passt aufeinander auf“. Einbruchmeldeanlage? Ja, wohnt neben mir. Und gerade das fehlt doch so oft. Geht in der Anonymität der Stadt einfach unter. Wo viele ihren Nachbarn nicht mal annähernd kennen. Hier ist der Ortsbürgermeister dein Gartenzaun-Buddy.

Es ist meist wenig aufregend. Es ist aber auch weniger aufgeregt. Stress gibt’s doch nur, wenn jemand sich einen Spaß macht und außer der Reihe die Mülltonne rausstellt. Es ist oft lustig. Es ist manchmal traurig. Es gibt immer etwas zu erzählen. Und Du kannst Dir sicher sein, dass man sich für diese Erzählungen interessiert. Man möchte ja selbst auch was zu erzählen wissen. Beim Stopp am nächsten Gartenzaun. Beim gemütlichen Bierchen…

Für weitere kleine Anekdoten aus meinem (Dorf-)Leben schaut doch mal auf meinem Instagram- Profil https://www.instagram.com/daddy_co.ol/ vorbei. Ich freu mich auf euch…

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